MAGAZIN4
   
 Aktuell
 Archiv
 Publikationen
 Wir über uns
 Räumlichkeiten
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
   
  Chantal Michel, Während der ganzen Zeit wuchsen und wuchsen die Kinder und stellten nur die eine Frage, während die Erwachsenen ratlos und grossartig lächelnd schrumpften und schrumpften, 2003/2004. C-Print auf Alucobond, 130x130 cm
   
   
 
12. - 24. Mai
 
Die Dämonen
   
 
Eröffnung der Ausstellung
Freitag, 11.05.07 um 19.00 Uhr

   
  19.00 Uhr Vortrag Marcus Steinweg, Dämontologie
19.45 Uhr Eröffnung
20.15 Uhr Philipp Quehenberger, Daemon Dance
21.00 Uhr Chris Martinek, Präsentation DAIMON NLP, 12'' Vinyl
21.30 Uhr Peter Szely, Backtrack the Brain
ab 22.00 Uhr Party (Peter Szely, DJ Martinek)
   
  Mit Beiträgen von
Clegg & Guttmann, Thomas Feuerstein, Chris Martinek, Chantal Michel, Philipp Quehenberger, Marcus Steinweg, Peter Szely, Rens Veltman.
.Kurator: Thomas Feuerstein, Ausstellungsdokumentation
   
 

Sie sind überall. Sie arbeiten im Hintergrund. Sie durchdringen unsere Gedanken. Sie stecken in allen Artefakten. Sie operieren in Computersystemen, sind Routine und Automatismus des Alltags. Sie beleben die Fetische unserer Kultur und bedingen das Leben. Seit jeher bestimmen Dämonen als Rezepte, Regeln oder Algorithmen die Herstellung und Ausführung von Objekten, Kunstwerken und sozialen Handlungen. Die Dämonen sind mitten unter uns und sprechen als Dinge, Prozesse und Systeme. Die Ausstellung präsentiert künstlerische Positionen, die Dämonen zum Medium ihrer Kunst machen udn diese als Zu- und verteiler von Materie und Information, als Stifter von Ordnung oder Entropie begreifen.


In der griechischen Literatur und Philosophie teilen Dämonen den Menschen ihr Schicksal zu. Sie agieren als Zu- und Verteiler von Lebensenergie, Ressourcen und Information, stiften Ordnung oder Chaos, machen glücklich (eu-daimon) oder unglücklich (kako-daimon). Bis heute ziehen sich Dämonen durch die abendländische Philosophie, spuken als Geniekult durch die Kunstgeschichte und tauchen ab dem 19. und 20. Jahrhundert in Physik und Informatik auf. Dämonen rumoren nicht mehr als fremde, dunkle Macht und fungieren nicht als Modell für alles Irrationale und Unerklärliche, sondern operieren als technische Gehilfen, steuern Maschinen oder aktualisieren sich, wie es ihr etymologisches Verhältnis zu Demokratie nahe legt, über Organisationsfragen von Gemeinschaften, Ökonomien oder Staaten. Dämonen sind Handlungsroutinen, Strukturen, Regeln, Gesetze, Programm 08e und Algorithmen.
Die Teilung der Welt in Subjekte und Objekte, in Systeme und Umwelten erweist sich bei genauerem Hinsehen als dämonische Unordnung. Die Frage, wer handelt, spricht oder befiehlt, verliert ihre diskursive Reinheit und vermag die Welt nicht mehr dualistisch zu teilen. Die Beziehungen zwischen Subjekten und Objekten vermengen sich und werden schmutzig, indem sie von wechselseitigen Besessenheiten berichten. Seit jeher bringen Handlungsanweisungen Objekte hervor und umgekehrt sind Gegenständen - vom Pinsel bis zur Leinwand, vom Ziegel bis zur Fabrik - Handlungen und Denkschemata eingeschrieben, die eine technische, psychische und soziale Eigendynamik entfalten. Die Artefakte werden zu Aktanten und mischen sich in die Autonomie der Sprache, des Denkens und Handelns.
Die Ausstellung Die Dämonen präsentiert künstlerische Positionen, die Dämonen zum Medium ihrer Kunst machen und diese als kulturelle Zu- und Verteiler materieller, informationeller und sozialer Ressourcen, als Stifter von Ordnung oder Entropie begreifen.
Obgleich sich in allen Epochen künstlerische Rezepturen und Konstruktionsregeln finden, die Entwurf, Produktion und Rezeption von Werken regeln, rücken derartige Algorithmen erst seit dem 20. Jahrhundert gegenüber dem materiellen Werk in den Vordergrund und werden von KünstlerInnen als eigenständiges Medium entdeckt. Wer oder was in einem Kunstwerk spricht oder handelt – der Künstler, der Stil, das Kunstwollen, die Gesellschaft, das Material, die Farbe, der Betrachter, der Markt etc. – ist in Bezug auf den einen Autor nicht zu klären. Das Kunstwerk stellt sich als kollaborativer Akt dar, dessen Netzwerk sein Agent ist, der als Zu- und Verteiler von Anliegen und Interesse, als Stabilisator oder Störenfried von Redundanz oder Innovation wirkt.
Werke und Gegenstände allgemein sind Versammlungsorte, an denen sich Singularitäten mit dem Mesokosmos verbinden. Die Subjekt-Objekt- oder Mensch-Maschine-Beziehung vollzieht sich in der Verschmelzung von Menschlichem und Dinglichem als Handlung. Genau hier versammeln sich die Dämonen, die nicht aus der Schattenwelt in den Alltag hereinbrechen, sondern den Alltag bedingen und diesen zur Bedingung unseres Lebens machen. Wenn von Dämonen und Dingen die Rede ist, soll daher das anthropozentrische Verständnis von Handlung in Frage gestellt und nicht ein Neuerwachen des Animismus beschworen werden. Dieser veränderte Objektbegriff, der sich in die bislang davon getrennt gehaltenen Kategorien des Denkens, Sprechens und scheinbar autonomen Handelns einmischt und uns in naher Zukunft über neuartige Technologien, komplexe politische Zusammenhänge oder künstlerische Praktiken vermehrt begegnen wird, ist Gegenstand und Medium der Ausstellung Die Dämonen.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog in der Schriftenreihe M4-disjecta